Praxistipps

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Eine Kooperation der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und des Pädagogischen Instituts Berlin


Aus der Praxis - erschienen im PIB-Newsletter, 10/11.2018

Sonderpreis für das Projekt „aufrichten“ des „Instituts für soziale Innovation“

von Dr. Udo Baer

Am Sonntag, den 23.09.2018, wurde in Köln der WDR-Kinderrechtepreis 2018 verliehen. Zu den Gewinnern gehört in diesem Jahr auch das Projekt „aufrichten!" des Instituts für soziale Innovationen e. V., das den Sonderpreis erhielt. Laudatorin und UNICEF-Vorstandsmitglied Daniela Schadt überreichte den Preis an Viola Werner und Zeljka Telisman vom Institut für soziale Innovationen e. V.

Das Projekt:

Ziel: Wir stärken traumatisierte geflüchtete Kinder und Jugendliche durch kreative Gruppen und künstlerische Projekte mit Malen, Tanz, Fotografie und Film. Dabei fördern wir kreative Methoden und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die die Selbstsicherheit stärken, den Glauben an sich selbst und die Begegnungen - auch Spielräume - schaffen.

Ausgangspunkt:

Gerade Kinder und Jugendliche sind den politischen und gesellschaftlichen Lagen hilflos ausgeliefert. Sie haben Krieg, Tod, Gewalt, Flucht und Ankommen in einer fremden Welt erlebt und stehen diesen traumatischen Erlebnissen oft ohne Worte gegenüber. Sie haben keine Möglichkeit, das zu verarbeiten. Dazu kommen überfordernde Anforderungen im Alltagsleben der Familien, der Umgang mit neuen Strukturen im neuen Land und oft auch die Angst vor drohender Abschiebung. All das gefährdet die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Geflüchteten Kindern und Jugendlichen fehlt es in hohem Maß an Zeit, an geschütztem (Spiel)Raum, künstlerischen und kulturellen Möglichkeiten des Ausdrucks, aktiver Erholung und Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu kommen.

Die Praxis:

Wir bieten all das in kreativen Stärkungsgruppen, in denen wöchentlich, dicht an den Bedürfnissen der einzelnen Kinder und Jugendlichen, unterschiedliche kreative Methoden und Aktivitäten ca. 1,5 Std angeboten werden. Es gibt Malgruppen, Gitarrengruppen, Sing und Spielgruppen. Es wird auch gebastelt, geklebt oder mit Ton gestaltet. Die Bilder, die dabei entstehen, werden in den Räumen der Zukunftswerkstatt therapie-kreativ (das ist eine Fortbildungsschule für kreative Therapien) ausgestellt und von vielen Menschen bewundert.

Manchmal kochen und feiern wir zusammen. Alle paar Monate machen wir ein größeres Fest, bei dem die Kinder ihre kreativen Aktivitäten vorstellen können. Z. B. machen sie jedes Mal ein kleines Gitarrenvorspiel und singen Lieder. Das Publikum ist dann immer sehr begeistert, sodass sich inzwischen auch eine neue Gitarrengruppe mit den Eltern der Kinder gebildet hat. Vor allem die Mütter waren so begeistert, dass sie nun auch ein Instrument lernen wollten. Und für die Kinder ist es ein großer Spaß ihren Eltern zu zeigen, wie das geht. Bei unserem letzten Fest haben die Jugendlichen allen deutschen Gästen beigebracht, wie man in Syrien, dem Iran oder in Afghanistan gemeinsam tanzt.

Wir haben mehrere Fotoprojekte mit Ausstellungen durchgeführt und ein in einem Filmprojekt haben Kinder und Jugendliche gemeinsam mit einem Filmemacher einen Dokumentarfilm über ihr „neues Leben“ gedreht. ( https://youtu.be/H13ZfagPntI) Interessant wie unterschiedlich beispielsweise die Schulen für Kinder in den Heimatländern und hier in Deutschland sind.

Alle Gruppen werden von Menschen geleitet, die eine besondere Fortbildung in den Bereichen Traumatherapie oder Traumapädagogik haben damit  die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, die schlimme Dinge erlebt oder gesehen haben auch gut erkennen, verstehen und begleiten können und die auch selbst künstlerisch tätig sind und viele Methoden, Materialien und Ideen haben.

Neben den wöchentlichen Angeboten gibt es auch Ferienprogramme, da viele geflüchtete Kinder gerade in den Ferienzeiten nicht viele Aktivitäten haben und sich langweilen. Wir bieten auch Stärkungsgruppen in den Schulen an, dort werden sie in den sogenannten `internationalen Klassen ` oder `Willkommensklassen` durchgeführt. Manchmal bringen geflüchtete Kinder und Jugendliche auch ihre deutschen Freunde mit zu so einer Stunde. Wir möchten möglichst viele Kinder und Jugendliche erreichen können. Fotos und Beispiele dazu kann man sich auch in dem beigelegten Journal „Blickpunkte des Projekts `aufrichten!` “ anschauen.

Wie der Name unseres Projekts auch sagt, möchten wir, dass sich die traumatisierten, geflüchteten Kinder und Jugendlichen (wieder) `aufrichten` können.

ANPRECHPARTNERIN: 

Viola Werner, Projektleitung  v.werner@soziale-innovationen.de

Zeljka Telisman, Projektkoordinatorin  z.telisman@soziale-innovationen.de

TRÄGERSCHAFT:

Institut für soziale Innovationen e.V.

Blumenstrasse 54 A, 47057 Duisburg 

www.soziale-innovationen.de

INITIATOREN:

Dr. Udo Baer / Stiftung Würde

FINANZIERUNG:

Das Projekt wird von der Aktion Mensch gefördert. Einen Eigenanteil bringen wir durch Spenden auf. Die Stiftung Würde unterstützt uns dabei.

Siehe auch:

https://www.soziale-innovationen.de/isi-brueckenbau/projekt-aufrichten/rund-um-das-projekt/#c5606


Aus der Praxis - erschienen im PIB-Newsletter 01/2019

Vier Quellen von Aggressivität

Einige Hinweise und Hilfestellungen zum Umgang mit Wut, Zorn und Gewalttätigkeit in der Schule

Von Udo Baer

Mirko ist neun Jahre alt. Das Einzige, worauf er stolz ist, ist seine neue Spielkonsole und die Kraft seiner Muskeln. Gern sieht er Videos mit großen Kämpfern, die problemlos ihre Gegner niedermachen. Mirko ist ein „Klopper“, wie sie in der Schule sagen. Es vergeht kaum ein Tag ohne Rauferei. Er kann sich laut Lehrerin nicht in die Klasse einfügen, auch aus dem Fußballverein ist er herausgeflogen, weil er den Anweisungen des Jugendleiters nicht folgte. „Ab und zu“ wird er von seinem Vater geschlagen, der meint, damit „das Recht des Stärkeren“ zu vertreten. Er ist Lastwagenfahrer, viel unterwegs und wenn zu Hause, dann müde und mit Bierflasche, ständig auf jeden und alles schimpfend. Seine Erziehungsmaxime gegenüber Mirko lautet: „Mir ist egal was du wirst, Hauptsache kein Schwächling.“

Die Mutter scheint irgendwie abwesend zu sein. Mirko weiß nicht, was die Mutter macht, außer das „die sich irgendwie um andere kümmert“. Sie ist in der mobilen Pflege beschäftigt und zählt wohl eher zu den „Schwachen“. Mirko ist die meiste Zeit des Tages über allein zu Hause oder streunt mit den Kumpels herum. Zu Hause spielt er Computerspiele oder schaut Videos seines Vaters. Auf den lässt er nichts kommen, auch wenn er heimlich den Tag herbeisehnt, an dem er selbst so stark sein wird, dass er sich von ihm keine Schläge mehr bieten lassen muss …

Was fehlt Mirko? Mirko ist viel zu früh und viel zu viel allein. Mirko fehlt soziale Geborgenheit und damit ein wesentliches Element des Bodens, auf dem er mit aggressiven Gefühlen angemessen umgehen könnte. Mit Mirko nur daran zu arbeiten, dass er seine aggressiven Impulse besser „kontrolliert“, wie es die zu Hilfe gerufene Psychologin versuchte, scheiterte. Ein Feuer ist schwer zu kontrollieren, zumindest nicht, wenn es immer wieder neu genährt wird. Und genau dies geschieht mit der Aggressivität Mirkos. Sie wird erhalten durch die kontinuierlich neue Nahrung aus der inneren Haltlosigkeit. Mirko sagt selbst: „Wenn ich versuche, mich zusammenzunehmen, dann geht das nach zwei Tagen kaputt, dann bin ich so weg, dass ich irgendjemandem eine runterhauen muss, damit ich mich wieder mitkriege.“

Aggressivität ist nicht gleich Aggressivität, sondern entspringt verschiedenen Quellen. Wenn die jeweilige Quelle identifiziert ist, können daraus Konsequenzen für den Umgang mit dem Kind oder Jugendlichen gezogen werden. Die Quelle von Mirkos Aggressivität ist die emotionale Verwahrlosung, die Haltlosigkeit. Also braucht Mirko so viel Halt, wie es nur irgendwie geht. Sicher kann die Schule nur einen Teil dazu beitragen und die Mängel des Elternhauses nicht ersetzen. Aber diesen Teil muss sie beisteuern. Psychologische Untersuchungen haben ergeben, dass viele aggressive Kinder „ins Leere laufen“ und Eltern mit einen „Laisser-faire-Erziehungsstil“ bevorzugen. Diese Kinder brauchen klare und gerechte Gegenüber und sinnvolle Aufgaben, die sie bewältigen können. Damit verschwindet nicht ihr Aggressivitätspotenzial von einem Tag zum anderen, aber die Quelle, aus der es sich speist, kann allmählich austrocknen.

Eine andere häufig anzutreffende Quelle ist die dauerhaft hohe Erregung vieler Kinder. Dieses Erregungsniveau führt zu einer Hochspannung, die sich bei Belastungen in aggressiven Äußerungen und Handlungen entlädt. Viele Erwachsene werden es auch kennen, dass sie unter hoher angespannter Erregung leicht „explodieren“. Diese Kinder befinden sich nicht gelegentlich in solchen Erregungszuständen, sondern chronisch.

Oft wird das Verhalten der Kinder als „ADHS“ diagnostiziert, was allerdings noch nichts darüber aussagt, was bei dem jeweiligen Kind zu der hohen Erregung und Spannung geführt hat. Für eine Untersuchung über die „Innenwelten“ dieser Kinder hat die Lehrerin und Schul-Therapeutin Waltraut Barnowski-Geiser Dutzende von ihnen befragt. Bei allen war großer Kummer feststellbar, den sie nicht teilen und „loswerden“ konnten, Kummer über die Trennung der Eltern oder den Tod der Oma, Kummer über fehlende Liebe oder den Wegzug aus der alten Heimat, Kummer über zu wenig Achtung, ja oft Verachtung, oder das Nicht-zurecht-Kommen mit dem eigenen Anderssein. So vielfältig der Kummer war, aus dem sich die Erregung speiste, so wichtig waren und sind Möglichkeiten, die Erregung abzureagieren. Erwachsene können Musik machen oder ein Beet im Garten umgraben. In der Schule sind die Möglichkeiten beschränkter. Winston Churchill bat seinen Schuldirektor um die Erlaubnis, in den Pausen das Schulgelände verlassen zu dürfen, um einmal um das Gelände zu laufen. Er halte den Unterricht sonst nicht aus und könne sich vor Anspannung nicht konzentrieren. Der Direktor erteilte die Erlaubnis ... Gute Erfahrungen gibt es, wenn Kinder, die merken, kurz vor aggressiven Attacken zu stehen, die Erlaubnis bekommen, zeitweilig aus dem Unterricht „beiseite zu treten“. Mit einem Kind wurde vereinbart, dass es für einige Minuten das Klassenzimmer verlassen darf und zu einer Sitzecke im Flur gehen kann. Für andere gibt es die Möglichkeit, in besondere Teile des Klassenzimmers zu gehen und zu malen oder anderes zu tun. Manchmal reicht es schon, einem Kind zu erlauben, während es zuhört, gleichzeitig zu kritzeln oder malen, und das nicht als Desinteresse zu interpretieren. Alles, was die innere Erregung des Kindes reduziert oder hilft, sie unaggressiv „auslaufen“ zu lassen, ist sinnvoll. Manche Lehrerinnen und Lehrer scheuen davor zurück, um den Kindern keine „Sonderstellung“ einzuräumen. Doch diese Sonderstellung haben sie schon durch ihr aggressives Verhalten. Wenn anderes nicht hilft, sind solche Vereinbarungen einen Versuch wert. Sie müssen in der Klasse transparent gehandhabt werden, dann werden sie auch von den Schülerinnen und Schülern akzeptiert.

Ein weiteres Ergebnis der Befragung der sogenannten „ADS/ADHS“-Kinder bestand darin, dass sich alle Kinder und Jugendlichen „nicht richtig“ vorkamen. Sie bewerteten nicht nur konkretes Verhalten als falsch, sondern sich selbst, und zwar in ihrer ganzen Persönlichkeit, als „unaushaltbar“. „Nur ich, ich mache alles falsch, ich mache nur Ärger und dann sind alle sauer“, sagt der 11-jährige Stefan. Und die 13-jährige Melanie ist sich sicher: „Ich bin ein Stück Sch ... Da sind sich alle sicher. Ich auch.“ Ist das Selbstwertgefühl von Kindern erst einmal so weit in den Keller gerutscht, kann leicht jede noch so gut gemeinte Kritik die Selbstabwertung verstärken: „Na klar, wie immer, ich mach ja alles falsch.“ Nichtsdestotrotz muss Kritik trotzdem manchmal sein, wichtiger für diese Kinder sind Komplimente, lobende Äußerungen, wann immer sich die Gelegenheit bietet und etwas lobenswert ist.

Die dritte große Quelle aggressiver Äußerungen von Kindern und Jugendlichen neben der Haltlosigkeit und der hohen Erregung ist die Gefühllosigkeit. Manchmal sind Kinder in einer Art gewalttätig, die Kälte, Rohheit, manchmal Beiläufigkeit ausstrahlt. Es gibt kein Bedauern, keine Scham, keine Irritation. Dieses Gefühl der Gefühllosigkeit ergreift Kinder und Jugendliche in der Regel noch nicht so umfassend wie Erwachsene, kann aber den prägenden Hintergrund aggressiver Handlungen bilden. Die Gefühllosigkeit kann bei Menschen entstehen, wenn sie sich existenziell bedroht und überfordert sehen, z. B. bei chronischen Schlägen, bei sexuellem Missbrauch oder anderen traumatischen Erfahrungen. Dann ist das Gefühl der Gefühllosigkeit ein Schutz, der aber, wenn er chronisch wird, zum Alptraum werden kann. Wenn mit der Fähigkeit zu fühlen auch das Mitgefühl verloren geht oder zumindest so betäubt wird, dass es keine Wirkung hat, werden aggressive Impulse zu roher Gewalt.

Hier können Lehrerinnen und Lehrer nur tätig werden, indem sie psychologische und therapeutische Hilfe organisieren und die Opfer schützen. Nur im therapeutischen Rahmen kann es gelingen, die vergrabenen Gefühl wiederzubeleben, denn mit diesem Prozess wird auch der Schmerz lebendig, der früher nicht auszuhalten war und in die Gefühllosigkeit getrieben hat.

Unter der Aggressivität liegt somit dauerhaft ein anderes Gefühl, die Gefühllosigkeit. Auch andere Gefühle können sich in und hinter der Aggressivität verbergen, oft situationsgebunden und zeitweilig. Sie zu identifizieren, erschließt die vierte Quelle aggressiver Gefühle, der wir in der Schule häufig begegnen.

Dafür, dass unter einem aggressiven Gefühl bzw. dessen Ausdruck ein anderes Gefühl liegt, entlehnen wir aus den Sprachwissenschaften das Wort „Subtext“. Ein Subtext ist eine Aussage, die unterhalb des offenkundigen Textes verborgen ist.

Subtexte gibt es in allen erdenklichen Variationen. Weit verbreitet, vertraut und bei den Adressaten meistens wenig beliebt sind Aussagen wie: „Nein, du brauchst dich wirklich nicht um mich zu kümmern – du hast ja so viel zu tun“ oder „Ich möchte wirklich keine Geschenke haben“. Deren Subtexte lauten so oder so ähnlich: „Du kümmerst dich zu wenig um mich“ bzw. „Du hast mich schon so oft enttäuscht“ oder „Ich will mich dir nicht verpflichtet fühlen.“ Nicht nur beim gesprochenen oder geschriebenen Wort gibt es Subtexte, auch bei Handlungen und Gefühlen. Der Subtext wutentbrannten Wegrennens beim Abschied-Nehmen z. B. von einem geliebten Menschen ist oft das Gefühl der Verlassenheit, der Leere, der Angst oder der Traurigkeit.

Der Subtext der aggressiven Äußerungen von Kindern und Jugendlichen ist individuell unterschiedlich. Einige Beispiele:

-          Achim ist oft beschämt worden. In Situationen, in denen es bedrohlich wird, dass er ausgelacht wird, beginnt er „vorsorglich“ um sich zu schlagen.

-          Ruth ist einsam. Die Mutter ist weg und sie hat keine „richtige“ Freundin. Wenn sie es nicht mehr aushält, wird sie „pampig“ und laut.

-          Tim wird vom Vater nur beachtet, wenn der wütend wird. Er erhält dann zwar oft Prügel – aber immerhin wird er beachtet. Das versucht er in der Schule auch.

-          Immer wenn Suren nicht mehr weiter weiß, überfordert und hilflos ist, beginnt sie zu schreien ...

 

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Es macht Mühe, den Subtext der aggressiven Äußerungen jedes einzelnen Kindes zu erkunden, und es ist oft einfacher, als man vorher vermutet. Dieser Weg lohnt sich. Allein auf Wut und Aggression zu reagieren geht in die Leere, wenn dahinter die Angst vor Beschämung oder die Hilflosigkeit steht. Erfolgversprechender ist es, auf den Subtext zu reagieren, aus dem sich die Aggressivität speist. In der Therapie erzählen Kinder und Jugendliche oft, wie wohltuend und wichtig es für sie ist, wenn Lehrerinnen oder Lehrer äußern, dass sie verstehen, was in ihnen vorgeht. Sie selbst können meist darauf unmittelbar bzw. in Worten nicht reagieren. Aber es kommt an und wirkt. Sätze wie „Ich werde mich bemühen, darauf zu achten, dass du nicht ausgelacht wirst“, „Auslachen ist in der Klasse verboten“ oder „Wenn man nicht mehr weiter weiß, kann man schon mal aus der Haut fahren – das kenne ich“ zeigen Verständnis. Von ihnen berichten die Kinder noch Jahre später.

Viele Lehrerinnen und Lehrer bemühen sich, auf aggressive Äußerungen in der Schule nicht nur disziplinarisch zu reagieren. Auch wenn im Schulalltag die Möglichkeiten oft nur allzu beschränkt sind, ist jeder Versuch wertvoll. Die Unterscheidung der verschiedenen Quellen aggressiver Äußerungen kann eine Hilfestellung in diesem Bemühen sein.


Aus der Praxis- erschienen im KINDERWÜRDE- Newsletter 03/2019

Praxistipp: Die Schlittenfahrt

von Udo Baer

 

In diesem Spiel geht es besonders darum, dass die Kinder gehört werden und ihre Anweisungen unmittelbare Wirkung zeigen.

Das Spiel kann nur auf einem Boden durchgeführt werden, der kein Teppichboden ist, sondern Holz, Laminat oder einen ähnlichen Belag hat, auf dem man gut rutschen kann. Eine Decke wird auf dem Boden ausgebreitet. Ein Kind darf sich auf diese Decke setzen, möglichst an eine Seite, und sich an den Rändern der Decke gut festhalten. Das andere Ende der Decke wird von einer oder einem Erwachsenen in die Hand genommen. Die Decke ist der Schlitten. Die Fachkraft, die zieht, ist das Rentier. Das Kind steuert den Schlitten. 
Das Kind auf dem Schlitten gibt Anweisungen: »Rechts!«, »Links!«, »Geradeaus!« oder »Stopp!« bzw. »Halt!«. Wenn Kinder noch nicht über diese Worte verfügen oder sie verwechseln, dürfen die Kinder nur »A« oder »O« rufen. Und das laut oder leise, schrill oder sanft, wie auch immer ihre Befehle und Anordnungen klingen. Das Rentier, die Erzieherin/der Erzieher, hört auf die Anweisungen des Kindes und zieht den Schlitten durch den Raum. Die anderen Kinder stehen dabei und feuern das Rentier oder das Kind auf dem Schlitten an.
Wenn die Kraft reicht, ist es wunderbar, wenn jedes Kind einmal auf den Schlitten darf. Sie können auch ansagen, dass an jedem Tag drei Kinder Schlitten fahren dürfen.
Eine Variante kann darin bestehen, dass z. B. in einer Turnhalle ein Kasten verkehrt herum auf eine Decke gelegt und gezogen wird. Die Schlittenfahrt darf nicht zu schnell sein, egal wie sehr die Kinder dies wollen. Es reicht, wenn die Schlitten sich langsam bewegen. Es geht nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Wirksamkeit. Je schneller ein Schlitten fährt, desto größer ist die Gefahr, dass ein Kind loslässt und umfällt. Mit ein wenig Achtsamkeit kann diese Gefahr ausgeschlossen werden.
 
Aus: Udo Baer. Traumatisierte Kinder sensibel begleiten. Basiswissen und Praxisideen. Nikolo. Beltz